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Wie "Professor Zufall" Forscherinnen und Forschern hilft

• Blog Forschungspreis

Manchmal braucht man auch einfach etwas Glück. Im Falle des Napoleonmuseums half eine Postkarte aus dem Internet den Forschenden weiter.

Die Arenenberger Sonderausstellung des Jahres 2018, Wir waren auch dabei – Männer aus der Schweiz und das Konstanzer Regiment Nr. 114 im Krieg 1914-1918, generierte ein so grosses Publikumsinteresse, dass die Museumsleitung des Napoleonmuseums beschloss, die Präsentation in leicht verkleinerter Version auch 2019 für das Publikum zugänglich zu lassen. Fast zeitgleich kamen zwei Anfragen von französischen Museen, die die Ausstellung, angepasst auf ihre Region, gerne übernehmen würden.

Für Dominik Gügel, Direktor des Napoleonmuseums, Ausstellungsmacher und Autor der Begleitpublikation, bedeutete dies, dass die Forschung über dieses vergessene Kapitel der Thurgauer und Schweizer Geschichte nicht beendet werden konnte, sondern neben neuen Projekten weiterlaufen durfte.

Was in den Quellen bislang fehlte, war die Antwort auf wichtige Fragen aus der Anfangszeit des Krieges: Wie fühlten sich die Männer aus der Schweiz, als sie nach Konstanz kamen? Wie wurden sie aufgenommen, wie sah die Organisation seitens des Militärs aus? Wurden sie verteilt oder in landsmannschaftlich geschlossenen Einheiten ausgebildet? Durften sie auch als Soldaten in die Schweiz?

Die in Archiven und Privatsammlungen verfügbaren Dokumente enthielten keine Hinweise auf diese zentralen Fragen. Was war zu tun?

Dominik Gügel geht bei Recherchen immer wieder neue Wege. So recherchiert er zu seinen Forschungsschwerpunkten auch gezielt im Internet. Eine mühselige und zeitaufwändige Arbeit, die – wie die Forschung insgesamt – weitgehend in der Freizeit geleistet wird. Für einen Forscher lassen sich Beruf und Hobby allerdings nicht trennen. Forschung ist Berufung im wahrsten Sinne des Wortes. Oft trägt die Arbeit aber leider auch keine Früchte.

Nicht so in diesem Fall. "Professor Zufall" griff ein! Oder war's die Vorsehung? Vor einigen Wochen tauchte im Netz eine Postkarte auf. Eigentlich nichts Besonders: Handschriftlich datiert am 31. August 1914. Eine Ansicht der Konstanzer 114er-Kaserne, wie sie häufig zu finden ist. Die Rückseite eng beschrieben und auf dem Bildschirm kaum leserlich. Einzig die Adressatin und der Briefstempel: eine Frau in Luzern; Emmishofen, 01. September 1914.

Postkarten von 114ern in die Schweiz sind an sich eher selten. Deshalb entschied sich Dominik Gügel zum Kauf. Als das Dokument einige Tage später ankam, verschlug es ihm fast die Sprache:

 

Konstanz, Montag, 31. Aug. Abends 7 Uhr. Liebe An[n}a!

Heute wurden wir endlich eingekleidet, schade, dass mich

die Buben nicht sehen kön[n]ten, die kön[n]ten jeden Tag mit in

unser Schulhaus u[nd] das übrige Brot und Essen mitnehmen.

Die Kost ist sehr gut u[nd] viel, nur mit dem Schlafen kan[n]

ich mich gar nicht befreunden, zumal wenn ich an mein gutes

Bett denke. Unsere Kompagnie hat 300 Man[n] u[nd] ca. 20 Unteroff[iziere].

Ich habe in meiner Korporalschaft 20 Man[n]. Alle 300 sind aus

der Schweiz, meistens aus Zürich, u[nd] durchweg Familienväter.

Wir heissen in der Stadt überall der "Schweizer Landsturm".

Es wird wohl länger dauern, bis ich wieder kom[m]e, vielleicht

Monate, darum gehe nur gleich zum deutsch[en] Hilfsverein u[nd] gebe

nun Unterstützung ein. Oder muss ich da eine Beglaubigung

schicken. Die Buben sollen nur brav sein, dann bringe ich ihnen etwas mit.

 

Habe nur im[m]er guten Mut, so schlim[m] wird es für uns ja nicht werden,

u[nd] verwöhnt bin ich da auch nicht mehr. Alle 2 Tage fassen

wir 1 Laib Brot, das natürlich mit Butter und Salz besser wäre.

Herz[liche] Grüsse

Adalbert

 

Dank einer Postkarte aus dem Internet wurden fast alle Fragen auf einmal beantwortet. Zusätzlich offenbart sie noch viele weitere interessante Details. Die Forschung kann weitergehen!

 

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